Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Frauenkampf? Feminismus? Das klingt nach lila Latzhosen und längst überholten Problemen der 70er Jahre. Heute sind wir doch alle gleichberechtigt – oder?
Frauen gehen gerne shoppen, sind kommunikativ und können nicht räumlich denken. Wer regelmäßig Frauenzeitschriften oder populärwissenschaftliche Bücher liest, weiß: Das alles lässt sich wissenschaftlich erklären. Das mit dem Shoppen zum Beispiel kommt nämlich aus der Steinzeit. Damals haben die Frauen immer Beeren gesammelt, während die Männer jagen gegangen sind. Dieser Sammeldrang ist bis heute in den Gehirnen von Frauen eingebrannt, und wenn es keine Beeren zu sammeln gibt, dann steigen sie eben auf Schuhe oder Kleider um. Logisch, oder?
Naja, ein bisschen absurd klingt es dann ja doch. Trotzdem sind diese Klischees an jeder Ecke unserer Gesellschaft zu finden – sei es in der Werbung, in pseudowissenschaftlichen Artikeln oder bei sexistischen Mathelehrern. Und sobald es nicht mehr um Schuhe, sondern z.B. um Emotionalität oder Kommunikationsfähigkeit geht, sind sich wieder alle einig. Frauen sind einfach emotionaler, und sie können nunmal besser über Probleme sprechen. Dass solche Dinge nicht angeboren sein müssen, sondern uns seit unserer Geburt von Eltern, Freund*innen, Medien und 100 anderen Instanzen wissentlich oder unwissentlich anerzogen werden, wird selten gesehen.
„Frauen brauchen Übergangsjacken….wenn ich das schon höre – ÜBERGANGSJACKEN. Wenn Mann kalt ist Jacke an, wenn Mann warm ist Jacke aus.“
„Fräulein, komm mal rangerutscht auf n Zentimeter und denk dran, wo nich glatt is kannste rennen!“
„Wenn Männer geil werden, geht das Gehirn aus. Bei Frauen wird das Gehirn animiert.“
„Hey komm ma her, sprich ganze Sätze – Subjekt, Prädikat, Objekt! Bekommst auch Buntstifte, kannste unterstreichen!!“
So oder so ähnlich klingt Mario Barth at its best. Wer das nicht witzig findet oder es wagt, einen Sexismusvorwurf zu machen, wird schnell als humorlos, prüde und verklemmt abgestempelt. Das sei doch alles nicht so gemeint, man darf das nicht so ernst nehmen, das sei doch nur ein Witz – mit einem Funken Wahrheit. Doch wo Mario Barth wenigstens keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, gibt es genug andere prominente Menschen, die ebenfalls den Anti-Feminismus- und Frauen-einfach-anders-Film schieben. Die allseits bekannte Familienministerin Kristina Schröder z.B. bringt demnächst ein Buch heraus mit dem Titel „Danke, emanzipiert sind wir selber“, in dem sie behauptet, Ungleichheit zwischen Frauen und Männern sei längst abgeschafft. Sie ist der Meinung, Frauen und Männer sollen „frei und privat“ und ohne „Bevormundung“ vom Feminismus über ihr Leben entscheiden können. Der Feminismus sei überholt und mit dem Stempel „von vorgestern“ in die Mottenkiste der 70er Jahre zu legen. Doch die Entscheidungen, die sie meint – Karriere ja oder nein, Familie, Kinder – können mitnichten frei und unabhängig getroffen werden. Noch immer gibt es keine Chancengleichheit, noch immer sind Frauen hauptverantwortlich für die Kindererziehung. Und wie viele Frauen können sich „frei und unabhängig“ für eine Karriere im Vorstand einer Bank entscheiden? Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass sie diesen Job bekommen und nicht männliche Konkurrent?
Statistiken beweisen: Noch immer verdienen Männer in Deutschland 30% mehr als Frauen. Die als „weiblich“ gesehenen Berufe wie Erzieherin oder Lehrerin sind mies bezahlt, „männlich“ konnotierte Berufe wie Bankvorstände dagegen doch recht gut. Und auch wenn Mädchen als „Bildungsgewinnerinnen“ prozentual mit besseren Abschlüssen die Schulen verlassen, nimmt der Frauenanteil in den Berufen ab, je besser der Job ist. Als Beispiel: Während 56% der Abiturient*innen und 48% der Hochschulabsolvent*innen weiblich sind, ist der Frauenanteil in Professuren gerade mal 18%. In gut bezahlten Vorstandsposten sind Frauen gerade mal mit 3,2% vertreten. Nur zu gern wird außerdem übersehen, dass all die Möglichkeiten, die Frauen heute haben, hart erkämpft wurden – von feministischen Bewegungen früherer Generationen.
Doch abgesehen von solchen Statistiken: Was hat Sexismus denn mit uns zu tun? Frauen können sich doch heute frei bewegen, sie können eigene Entscheidungen treffen und werden nicht mehr als „Eigentum“ von Vätern und Ehemännern gesehen. Trotzdem: Sexismus ist auch hier, im Berliner Alltag, allgegenwärtig.
In der Schule und Ausbildung gibt es z.B. meist ein klares Bild davon, was Frauen können und was nicht. „Ich brauche mal ein paar starke Männer, die den Fernseher holen“ oder „Welcher Junge kann bitte den Beamer anschließen?“ sind Sätze, die wohl jede*r schon 100mal gehört hat. Sobald drei Bücher von einem Raum in den anderen getragen werden sollen, sind Mädchen angeblich zu schwach.
Auch im Nachtleben sind die Rollenverteilungen klar. Wie viele Clubs kennst du, in denen Frauen nicht angegrabscht und gestresst werden? Nicht einmal Läden der linken Szene werden dem Anspruch gerecht, ein Raum frei von Mackergehabe und Sexismus zu sein. Wer als weiblich gesehen wird, muss sich oft viel mehr Gedanken um die Abendplanung machen: Wo kann ich tanzen gehen, ohne ständig angefasst zu werden? Hat dieser Typ mich nur aus Versehen am Arsch berührt? Kann ich ihm sagen, dass er das lassen soll, oder handle ich mir dann den Spott seiner Freund*innen ein?
Doch Frauen sind nicht nur „Opfer“ der bösen sexistischen Männer. Wie alle Menschen arbeiten sie kräftig daran mit, sexistische Strukturen zu festigen und fügen sich nur allzu oft in die ihnen zugeschriebene Rolle ein. Nicht selten werden Frauen, die sich nicht an dem Ideal des schlanken und gestylten Models orientieren, von anderen Frauen ausgegrenzt und fertig gemacht.
Trotz alledem wird Sexismus kaum als Problem in heutigen westlichen Gesellschaften gesehen. Wenn es hoch kommt, wird über Frauenfeindlichkeit in migrantischen Communities oder gleich in arabischen oder afrikanischen Ländern gesprochen. Hier mischt sich ein Lippenbekenntnis für Frauenrechte mit klarem Rassismus. Schuld sind immer „die anderen“, hier sei ja alles gut. Sexismus vor der eigenen Haustür, in der Familie oder der Stadt wird konsequent übersehen oder kleingeredet.
Doch immer wieder gab und gibt es Menschen, die sich gegen sexistische Strukturen wehren. Im Zuge der ersten Frauenbewegung entstand 1910 auf der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen die Forderung nach einem Internationalen Frauentag. Initiiert wurde diese Idee von Clara Zetkin, einer Sozialistin und Genossin von Rosa Luxemburg. Damals war die wichtigste Forderung das aktive und passive Wahlrecht für Frauen.
Die Probleme, mit denen wir es heute zu tun haben, sind andere geworden. Doch nach wie vor ist Feminismus ein wichtiger Teil des Kampfes für eine befreite Gesellschaft. Aber gegen Sexismus kann man praktischerweise oft ganz klein und im eigenen Umfeld angehen. Wenn du oder jemand anders sexistisch belästigt wird, schau nicht weg! Es ist besser, einmal zu viel nachzufragen, ob alles in Ordnung ist, als einmal zu wenig. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass die riesige betrunkene Männergruppe auf dem U-Bahnhof oder der Macker im Club sofort verständnisvoll und selbstreflektiert auf Kritik und Sexismusvorwürfe reagieren. Und natürlich ist es in solchen Situationen immer leichter, sich wegzudrehen und sich einzureden, es wäre alles nicht so schlimm. Aber wenn du dich mit Freund*innen oder Passant*innen zusammenschließt, ist vieles nur noch halb so wild.
Sexismus ist weder cool noch witzig, sondern auf allen Ebenen zu bekämpfen.
In diesem Sinne: Bildet Banden – lasst euch nicht unterkriegen!
Kasten: Wenn alles so einfach wäre…
In diesem Text sprechen wir von „Frauen“ als eher von Sexismus Betroffene und von „Männern“ als diejenigen, die ihn oft ausüben. Das tun wir, weil es trotz aller Gleichberechtigungsbemühungen noch immer reale Ungleichheiten gibt, von denen Männer profitieren.
Doch nicht „die Männer“ sind das Problem. Das Problem ist die Zweigeschlechtlichkeit überhaupt. Das klingt jetzt sehr abgefahren, aber denk doch mal drüber nach. Die Welt scheint klar zweigeteilt in Männer und Frauen, doch worauf wird das zurückgeführt? Auf die Geschlechtsorgane? Dagegen lässt sich nicht nur einwenden, dass Tag für Tag Kinder zur Welt kommen, die sich (biologisch) nicht in das Schema „männlich – weiblich“ einordnen lassen. Vielmehr stellt sich die Frage, warum einem einzigen Körperteil so ungeheuer viel Bedeutung zugemessen wird. Wir meinen: Menschen sind eben unterschiedlich. Sie haben große oder kleine Füße, Leberflecke oder nicht, spitze oder platte Nasen und können unterschiedlich schnell rennen. Hier zwei Kategorien formen zu wollen, ist unsinnig, weil man niemals die Grenzen so leicht ziehen kann. So auch beim Geschlecht. Deshalb fordern wir: Zweigeschlechtlichkeit dekonstruieren! Alle sollen machen können, was sie wollen – her mit dem schönen Leben!